Die operndidaktische Methode der Szenischen Interpretation von Musik + Theater, mit welcher ich seit über 20 Jahren arbeite, gliedert sich in mehrere Phasen. Ihr Hauptmerkmal ist das Kennenlernen eines Werkes aus der Innenperspektive, nämlich der handelnden Figuren und bedarf einer Einfühlungsphase in die gewählte Rolle. Diese erfolgt in vielen kleinen Schritten: das Lesen einer Rollenbiographie, die Kostümierung, die Entwicklung einer Geh- und Sprechhaltung und so weiter. Ich habe ganz oft behauptet, die Spieler*innen würden sich dabei mit den Figuren identifizieren, also versuchen ihnen möglichst ähnlich zu werden. Nun bin ich auf eine aufschlussreiche Parallele gegenüber der Literatur gestoßen. Alice Zeniter untersucht in dem Kapitel „Lieben, weinen, eine Romanfigur sein“* das Verhältnis von Menschen zu fiktiven Personen im Unterschied zu lebenden Mitmenschen. Beide kennen wir nie vollständig, doch während wir reale Menschen immer noch etwas besser kennenlernen können, sind der fiktiven Figur Grenzen gesetzt. Wie eine Studentin so rührend in einer Arbeit schrieb: Niemand weiß, was in dem Zimmer zwischen Don Giovanni und Donna Anna geschah. Wir können es uns ausmalen, aber wir können die beiden nicht fragen. Alice Zeniter wiederum bezieht sich mehrfach auf Francoise Lavocats Text Fait et Fiction (2016). Kognitionswissenschaftliche Studien zeigen, dass bei der Darstellung von Menschen in uns als Außenstehende die Hirnareale aktiviert werden, in denen es um Nachahmung und Gefühle geht. Wir setzen uns also nicht mit anderen gleich, identifizieren uns nicht, sondern fühlen uns in andere ein, kommen ihnen emotional und geistig nah. Und das geht umso leichter mit fiktiven Personen, weil wir ihnen NICHT körperlich nahe kommen können, deren Gestank wir nicht ertragen und deren Schmerz wir nicht spüren müssen. Die Empathiefähigkeit ist evolutionär lebenswichtig, sagt sie uns doch sofort bei der Wahrnehmung in unserem Umfeld: Hilfe leisten, sich anpassen oder gemeinsam fliehen. Da gegenüber fiktiven Gestalten „‘die Kooperationspflicht zum Schutz unserer Art ausgesetzt ist‘, können wir mit manchen Figuren mitfühlen, die wir im echten Leben meiden oder als schädlich einschätzen würden.“ (S. 137). Das erklärt auch, wieso Spieler*innen in ihnen gegensätzlichen Charakteren oder einfach Bösewichtern wie Scarpia oder Verrückten wie Tolomeo besonders viel Spaß haben.

* in ihrem Buch „Eine ganze Hälfte der Welt“, Berlin Verlag 2025
…und die Steigerung in der Bereitschaft, mich einzufühlen: Wenn die fiktive Figur eine Puppe ist – so Nikolaus Habjan: nur in dieser gesteigerten Distanz ist das Grauen darstellbar und wir fühlen mit… wie mt „F.Zawrel – erbbioloisch und sozial minderwertig“ –
Eine Freundin meinte – vor fünfzig Jahren: „Penthesilea“ müsste man mit Puppen aufführen!
Die Satire oder parodistische Darstellung ist auf andere Weise eine Möglichkeit, sich tatsächlich existierenden Menschen anzunähern. Der beträchtliche Unterschied ist, dass dies weniger zum Zwecke des Verständnisses oder der Empathie mit den dargestellten Menschen geschieht, sondern zur Hervorhebung der Hinterfragbarkeit bestimmter Eigenschaften, Handlungen oder Äußerungen dieser (meist auf irgendeine Weise prominenten) Menschen durch humoristische Überhöhung und bewusste vorsätzliche Übertreibung/Verzerrung. Der Spaß an der Übertreibung in der Darstellung kann für einen gewissen Zeitraum groß sein, allerdings vermutlich weniger anhaltend als bei der Beschäftigung mit fiktiven Charakteren, in denen ihre Schöpfer*innen oft bewusst mehrere (mitunter auch zueinander in Widerspruch stehende) mal mehr, mal weniger liebenswerte Eigenschaften kulminieren lassen.