Meine langjährige Freundin Dörte – herzlichen Dank! – schenkte mir neulich ein nigelnagelneues Buch mit dem schlichten Titel: Opernball. Der Untertitel benennt den gesellschaftlichen Aspekt: Zu Besuch bei der Hautevolee. Die Zeichnung auf dem Cover und das als Vorlage dienende Foto der Autorin auf der Rückseite machen klar: jetzt kannst du gleich eine Satire verputzen! Stefanie Sargnagel war 2024 zum Wiener Opernball geladen und schreibt darüber in einem hübschen kleinen schwarzen gebundenen Buch. Das erhöht den Genuss.
Der Einstieg „Federn, Pelze, Edelsteine, Knochen.“ lässt mich schon Blut wittern. Überhaupt wird der freche Text oft fleischlich, handgreiflich, bissig, wie ich es bei österreichischen Autor*innen als schnell einen Tick deutlicher und gleichzeitig poetisch mag.
Es geht vor allem um’s Hineinkommen, erst ins Opernhaus, später in den Saal, sehr viel später ins preisgünstigere Refugium der Mitarbeiterkantine, bevor die Autorin in die Unterbühne abstürzt und am Ende hinausgeschmissen wird. Die handelnden Hauptpersonen sind deshalb um die Autorin und ihre beiden Begleitfiguren herum Politiker, die Prominenten, die Debutant*innen, die Großkopferten und A Dabeis, während Sänger*innen nur ganz am Rande auftauchen. Dafür dann eine weitere Spezies:
„Auch Paradiesvögel haben ihren Platz auf dem Ball, es ist ja ein Fest der Künstler. Sie sind die Maskottchen, mit denen Finanzgrößen und Wirtschaftskapitäne die eigene Weltoffenheit zur Schau stellen. Zur Bespaßung der Gattin wird manchmal sogar einer in der Loge gehalten, meist ein eloquenter Homosexueller internationaler Herkunft, (…), ein lustiger Papagei aus der Modewelt, der den gehobenen Lebensstil dankbar annimmt, keine Konkurrenz ist, weder für sie noch für den Angetrauten, der brav Champagner trinkt und nicht rebelliert, nicht provoziert, nichts infrage stellt, sondern mit spitzen Bonmots auf den Lippen untertänig genießt und einen vielleicht auch mal auf eine verrückte Idee bringt mit seiner ganzen Exzentrik und der Kreativität. Er ist das originelle Accessoire im fantasielosen Alltag der Vermögensvermehrung, ein gesellschaftlicher Gewinn, wie die Oper an sich. Die Beflissenheit des Künstlers verleiht dem Geschäftsmann Bedeutung, denn ohne die ausgestellte Liebe zum Schönen und zur Kultur, ohne die Stiftungen und Sammlungen würde ihre Existenz keine Pracht, keine Geschichten, keinen Schick hinterlassen. Niemand benennt Straßen nach Lobbyisten und Spekulanten, bloß weil sie Lobbyisten und Spekulanten sind.“ S. 35 f
Zwischendurch kommen Zweifel auf, ob ein Opernball etwas mit Oper zu tun hat. Aber ja, das hat er, denn auch außerhalb Wiens ist Oper nach wie vor die Kunstform und gleichzeitig der Ort, wo sich Gesellschaft begegnen kann und die Exklusivität als Markenzeichen dazubucht wie bei Bällen oder Galas – ohne fingierte Handlung mit umso leibhaftigeren Gefühlen.

Stefanie Sargnagel: Opernball. Zu Besuch bei der Hautevolee. Rowohlt Verlag Hamburg, 80 Seiten, Januar 2026
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